Landtag erinnert an die Menschen in den grauen Bussen nach Grafeneck

Internationaler Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2020

Stuttgart/Grafeneck – Der Landtag von Baden-Württemberg erinnerte mit einer zentralen Gedenkfeier in der Gedenkstätte Grafeneck an die Opfer des Nationalsozialismus. 10.654 Menschen fanden dort im Jahr 1940 den Tod. Die Geheim-Aktion T4 markierte den Beginn der systematischen Ermordung von Menschen durch das NS-Regime. Rund 300 Gäste, darunter Abgeordnete aller Fraktionen, Vertreter von Regierung und Opfergruppen sowie Repräsentanten der Region gedachten in diesem Jahr vor allem der Menschen mit geistigen oder körperlichen Handicaps, die Opfer der so genannten „Euthanasie“-Programme wurden. „Die Geschichte Grafenecks lehrt uns zweierlei. Zum einen, dass Widerstand möglich war, und zweitens: Die Euthanasie-Morde stehen nicht eingekapselt als Phase, in der Nationalsozialisten die Macht hatten, sondern sie haben eine Vorgeschichte und Nachwirkungen bis ins Heute“, sagte Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne). Erinnerung sei mehr als GE-Denken an die Vergangenheit. Erinnerung sei aktuell, so Aras. „Kein Mensch darf Nützlichkeitserwägungen unterworfen werden – niemals mehr.“

Die Landtagspräsidentin dankte dem Landtag für die Erhöhung der Förderung von Gedenkstättenarbeit auf 220 000 Euro, zudem investiere das Land 1,4 Millionen Euro, um Schloss Grafeneck für Seminarnutzung zu ertüchtigen. In ihrer Rede lobte sie Grafeneck als Ort, der Gedenken und Leben vereine, auch weil dort eine inklusive Wohngruppe des Samariterstifts untergebracht sei und Besuchern die Gedenkstätte zugänglich mache. Dies sei ein „starkes Zeichen“, sagte sie an die Adresse der anwesenden Bewohnerinnen und Bewohner. Die Landtagspräsidentin erinnerte daran, dass „rechtsextreme Dynamiken“ bei der Frage nach wertem und unwertem Leben laut Universität Leipzig auch aktuell bis in die Mitte der Gesellschaft auszumachen seien. Dagegen stehe der erste Artikel der Verfassung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Aras appellierte, diesen zum Leitsatz in allen gesellschaftlichen Diskussionen zu machen und zu fragen, wo Gesellschaft selbst das Handicap sei. „Gedenken wie heute soll uns anregen, Ideen für die Zukunft zu entwickeln“, sagte Aras. Mit Bezug auf eine Gedenktafel der Landesärztekammer, die seit 2018 am Eingang des Dokumentarzentrums Grafeneck angebracht ist, regte die Landtagspräsidentin ein historisches Modul in der Medizinerausbildung an.

Der Leiter der Gedenkstätte, Dr. Thomas Stöckle, erinnerte: „Im Schloss Grafeneck – saßen die Täter dieses Verbrechens – wenn sie so möchten als letztes Glied einer langen Kette ‚arbeitsteiliger Täterschaft‘. Diese knapp hundert Männer und Frauen organisierten die Deportation der Opfer hierher und deren Ermordung, Verbrennung, Täuschung der Angehörigen, Vertuschung.“ Befehle seien aus Berlin oder Stuttgart gekommen. Dennoch stehe das Schloss Grafeneck „als Ort der Täter von historischer und von symbolischer Bedeutung.“ Es werde intensiv für Bildungszwecke genutzt. Dr. Stöckle dankte deshalb für den Landeszuschuss. Erinnerung als politische, kulturelle Bildungsaufgabe habe sich erst in den letzten Jahren als Überzeugung durchgesetzt. Doch handele es sich um einen trügerischen Konsens, der heute wieder versucht werde aufzukündigen. Die Gedenkstätten erinnerten mit klarer, positiver Aussage an Verbrechen der Deutschen: „Demokratie und Frieden sind bleibende Werte und Errungenschaften.“

An der Gedenkstunde nahmen Vertreterinnen und Vertreter aller Opfergruppen teil. Der Vorstandsvorsitzende der Samariterstiftung, Pfarrer Frank Wößner, hielt ein Grußwort. Professor Dr. Hans-Walter Schmuhl von der Universität Bielefeld hielt den Fachvortrag über „Von der NS-Euthanasie zum Holocaust“.

Schülerinnen und Schüler der Münsinger Schulen (Gustav-Mesmer-Schule, Schiller-Schule, Gymnasium Münsingen) trugen Briefe von Verwandten vor, die vom Tod ihrer Angehörigen, Kinder oder Geschwister erfahren haben und an die Einrichtungen schreiben, in denen ihre Verwandten bis zur Deportation nach Grafeneck lebten.

Ergänzt wurde die Gedenkstunde durch die szenische Sequenz „Komm, schöner Tod“, in der die Schauspieler Julianna Herzberg und Jan Uplegger das Schicksal der dreijährigen Gerda aufleben lassen – eines Mädchens, das Opfer der so genannten Euthanasie in Grafeneck war.

Die Brenz-Band begleitete die Gedenkstunde musikalisch.

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